Was Teams attraktiver macht

Ein Interview mit Dr. med. Kieslich

Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Dr. Kieslich, Leitender Arzt der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Klinik Rosenberg

Dr. med. Norbert Kieslich ist Leitender Arzt der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Internist und Gastroenterologe der Klinik Rosenberg, einer Rehabilitationsklinik in Bad Driburg. Er behandelt mit seinem Team ein breites Spektrum an psychosomatischen Erkrankungen. Die Gruppentherapie ist dabei eine der tragenden Säulen bei der Behandlung und daher Grund, einmal nachzufragen, warum ein WIR-Gefühl so wichtig und Basis für funktionierende Gemeinschaften und gute Teams ist.   

 

Herr Dr. Kieslich, wie wichtig ist ein WIR-Gefühl für die menschliche Psyche?

Das ist ganz zentral, kurz gesagt: Keine Zugehörigkeit, keine Gesundheit!

Warum ist dieses WIR-Gefühl so wichtig?

Es ist uns quasi angeboren. Für unsere Vorfahren war die Frage, ob „Freund oder Feind“ lebensentscheidend. Bindung und Zugehörigkeit sind Grundbedürfnisse des Menschen.

Und was spielt sich da im menschlichen Körper ab?

Komme ich zur Einschätzung „Freund“, wird das Belohnungssystem im limbischen System unseres Gehirns stimuliert. Das führt zu positiven Gefühlen. Daher entwickeln wir Verhaltensweisen, die dazu führen, dass Bindung entsteht: Wir sind freundlicher, offener, geben eigenes Wissen weiter und arbeiten mehr zusammen. Außerdem wird unser Stressempfinden reduziert.

Studien belegen, dass Menschen, die sozial gut eingebunden sind, gesünder, zufriedener und länger leben. Was uns gesund hält, ist das Gefühl von Vertrauen und Gegenseitigkeit.

Vertrauen und Gegenseitigkeit - macht das das WIR-Gefühl aus?

Ja, aber nicht nur. In der Sozialpsychologie spricht man von Gruppenkohäsion, also von der Bindungskraft. Das beschreibt die Summe, aller Kräfte, die die Bindung an eine Gruppe bewirken. Eine hohe Gruppenkohäsion bewirkt Teamgeist einerseits, andererseits aber auch Vorteile für den Einzelnen, zum Beispiel eine Steigerung des Selbstwertgefühls.

Welches sind denn diese Bindungskräfte, die ein Gemeinschaftsgefühl auslösen?

Da gibt es drei wesentliche Faktoren: Erstens, die Attraktivität der Gruppe für ihre Mitglieder, also der Stolz dazuzugehören. Zweitens, die Attraktivität der Mitglieder untereinander, also sogenannte Sympathiebeziehungen; Gleich und Gleich gesellt sich halt gern. Und das dritte ist die Attraktivität der Gruppenaufgabe, also die Motivation an einer gemeinsamen Aufgabe mitzuarbeiten. Ein hohes Wir-Gefühl fördert auch die Gruppenleistung. Wobei die Gruppenaufgabe schon den größten Einfluss hat.

Wie kann man die Attraktivität einer Gruppenaufgabe steigern?

Das lässt sich vor allem durch Partizipation erzielen, also durch Teilhabe an Entscheidungen. Außerdem muss das gemeinsame Ziel und die Aufgabenverteilung allen klar sein.

Und wie entsteht so ein WIR-Gefühl?

Das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Wichtig ist, dass die Gruppe etwas gemeinsam macht. Bei einem Angelverein zum Beispiel trifft man sich zum Angeln, aber eben nicht nur. Gemeinsames Erleben ist genauso wichtig. Feiert man zum Beispiel zusammen, bringt das die Gruppe ein ganzes Stück weiter zusammen. Noch näher kommt sich die Gruppe, wenn man seine Gefühle ehrlich und offen einbringen kann.

Und wenn es zu Konflikten in der Gruppe kommt, ist dann der Kompromiss das Mittel der ersten Wahl?

Nein, es gehört auch der Mut zur Auseinandersetzung dazu. Kompromisse bündeln keine Energie und schaffen auch kein Wir-Gefühl. Der Kompromiss ist nichts, der Konsens ist alles.

Welche Rolle spielt Identität?

Eine ganz entscheidende Rolle. Eine gut funktionierende Gruppe weiß eine Antwort auf die Frage: Wer sind wir? Gerade auch in der Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppen.

Was bedarf es, dieses WIR-Gefühl in Unternehmen zu pflegen?

Dr. Kieslich

Die Grundlage für ein Gefühl der Zugehörigkeit ist Wertschätzung. Außerdem bedarf es einer Führung, mit der man sich identifizieren kann. Wichtig ist es, dass man Vorgesetzte als gutes Vorbild erlebt. Und es bedarf einer Vertrauenskultur, nur so sind reibungslose Prozessabläufe möglich. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist teuer. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit macht Akteure gerade auch in kritischen Situationen handlungsfähig.

Worin bestehen die Chancen eines funktionierenden Gemeinschaftsgefühls?

Die Chancen sehe ich zunächst in der Addition der Begabungen, Fertigkeiten und des Wissens aller Teammitglieder. Außerdem ist die Motivation in der Gemeinschaft größer, Stress wird besser bewältigt. Es fördert die effiziente Zusammenarbeit, durch besseren Informationsfluss und Wissenstransfer.

Welche Bedeutung hat das Gemeinschaftsgefühl in der psychosomatischen Reha?

Die Gruppenerfahrung in der Rehabilitation ist ganz wichtig für unsere Patienten, insbesondere der Austausch mit anderen Betroffenen. Hier einmal zu hören, dass es anderen ähnlich oder sogar schlechter geht, ist ganz viel wert.

Für eine erfolgreiche Behandlung braucht es sicherlich auch ein gutes Team-Gefühl derjenigen, die behandeln - also bei den Ärzten, den Therapeuten, den Beratern und Pflegern?

Absolut. Hier spielt uns aber die grundlegende Systematik einer Rehabilitationsklinik in die Hände: wir betrachten hier alle Facetten eines Patienten. Dessen Organismus, Psyche, Ernährung, Bewegungsfähigkeit bis hin zur seiner gesellschaftlichen Integration und seinen kommunikativen Möglichkeiten. Als Ärzte und Ärztinnen arbeiten wir multidisziplinär mit anderen Fachärzten zusammen und koordinieren ein Team von Schwestern, Pflegern, Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern, Sozialarbeitern und Personen aus weiteren Bereichen.

In Rehabilitationskliniken leben und erkennen wir so jeden Tag, wie wichtig Teamarbeit im Sinne einer optimalen Patientenversorgung ist und wir als handelnde Personen selbst davon profitieren.

Das ist doch ein schönes Fazit.

Herr Dr. Kieslich, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marcus Kloppenborg 

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    • in der Regel keine Nachtdienste
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